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Einladung (2006)

Der Regen nahm den Staub mit, rann die Fensterläden hinunter. Die standen offen, heute, das erste Mal, in diesen drei heißen Tagen. Sie fragte sich warum sie gegangen war. So schnell, so überstürzt. Als hinge ihr Leben davon ab. Ihre gemeinsame Zukunft. Er wusste nicht einmal wo sie war. Das durfte er nicht. Das würde ihr alles verderben. Sie war dahin geschmolzen, die vergangenen Tage. Der Regen nun, würde Frische und Klarheit bringen. Sie wollte nicht hinausgehen. Aber allein sein wollte sie auch nicht. Es sollte etwas passieren. Etwas verwegenes. Jetzt. Ihre Brüste schmiegten sich an das weiße Hemd. Keck und erwartungsvoll. Als wollten sie hinaus springen. Der feuchte gelbe Staub der Straße kroch dampfend über das Kopfsteinpflaster. Die Welt sah ocker aus. Eine melancholische Schönheit lag in dem Tag, in dem heißen Regen, der plätscherte dahin wie ihre Gedanken. War es Reue? Der Regen schwemmte Gedanken an - spülte sie sogleich wieder fort.
Reingewaschen.
Die Lust blieb.

.......
Fortsetzung


    


Ein Tag in Paris (2000)

Kann ich mich für eine Zigarette zu Ihnen setzen?" fragt er.
Seine Hand umfasst die Lehne des Stuhls ihr gegenüber, verharrt eingefroren in der Bewegung,  ihre Antwort abwartend. Wie jeder Künstler hier auf dem Hügel von Montmartre trägt er seinen Zeichenblock unterm Arm, den Eindruck vermittelnd als könne er jede Sekunde drauf los zeichnen.  Aber er wirkt nicht aufdringlich.
"Wenn Sie wollen -", sagt sie gleichgültig.
Er bietet ihr eine seiner dünnen Zigaretten an, beobachtet dabei ihre Gesichtszüge, studiert ihren Blick, ihre Bewegungen, irgend etwas irritiert ihn.
"Rauchen Sie die immer?", fragt sie während sie eine Zigarette aus der ihr hingehaltenen Schachtel zieht, sie mit den Lippen berührt und sich ein klein wenig zu ihm beugt, der ihr Feuer gibt.
"Ja -." sagt er.
Ihr lebendiger, belustigender Ton steht keineswegs im Einklang mit der stumpfen, bewegungslosen Miene, die sie auf ihr Gesicht zitiert hat. "Ich heiße Enrique."
Das zynische "Aha", das er dafür erntet, lässt ihn nicht gerade willkommen fühlen.

Fortsetzung


    


sandmännchen (2001)

Ich drehe mich zur Seite und wache davon auf. Mein Gehirn schläft eigentlich noch, aber meine Augen öffnen sich - einfach so. Er lächelt. Er lächelt im Schlaf! Tagsüber lächelt er, das ist mir schon aufgefallen. Er scheint ständig zu lachen. Aber im Schlaf! Ich freue mich und schließe meine Augen wieder.
"Ist das eigentlich normal für dich?" hat er gefragt.
"Was?"
"Na ja, du liegst jetzt so hier neben mir und bist so lieb und nett, wie eine Schwester. Aber du bist auch so att - ich meine du bist eine Frau und..."
Ja, ich bin eine Frau. Ich frage mich, woran er das merkt. Ich meine, natürlich sieht man, dass ich eine Frau bin. Aber als wir nebeneinander lagen, und er das so sagte, waren wir eher Junge und Mädchen, zwei kleine Geschwister, die sich in ein Bett kuscheln, weil ihre Eltern ausgegangen waren. Dann hatte er langsam seinen Arm angehoben und mit seinen Fingern ist er zärtlich über den Mädchenkopf geglitten. Hat so wundervoll ihre Schläfe gestreichelt, so was machen Männer nicht. Nicht mit Frauen. Das macht der große Bruder mit seiner kleinen Schwester. Er streichelt sie liebevoll, um die Angst, die in ihrer Stirn wandert, wegzustreichen. So geduldig streichelte er die Mädchenhaare, die Mädchenbrauen und die Mädchenohren. Bis, ganz langsam, dieses Mädchen erwachsen wurde und das Frauenherz zu pochen begann. Ich konnte es gar nicht stoppen. Es pochte und pochte und kümmerte sich nicht darum, dass ich nur geborgen einschlafen wollte. Nur nicht wieder diese Träume haben. Einfach nur einschlafen neben dem lachenden Menschen.
Mein Herz pocht in die harte Matratze. Mein Herz pocht bis in meine Finger, bis in mein Hirn. Irgendwann denke ich nicht mehr. Irgendwann löst sich mein Körper von meinem Geist und schiebt sich an den seinen. Wellen von Körpern spielen auf der Matratze und Hände und Arme und Beine mischen sich darunter. Der Tanz hat seinen Rhythmus gefunden und braucht keine Gedanken dazu, keine Regeln, die er nicht selbst kennen würde. Die harte Matratze ist die Tanzfläche der zwei Geschwister, die Mann und Frau spielen.
Lieber ein Spiel als ein böser Traum, vor dem Tag an dem man stirbt. Aber sterbe ich wirklich morgen? So präzise sind Träume doch nicht, oder?
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